26. Januar 2021

Nachhaltigkeit und Kultur – 

Eine Verbindung mit Relevanz?

Welchen konkreten Beitrag können Kunst und Kultur leisten? Und - müssen oder sollen sich Kunst und Kultur überhaupt für Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel engagieren? Wie relevant ist die Verbindung des Themas Nachhaltigkeit mit Kunst und Kultur?

Die Menschheit steht aktuell vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung: der globalen Erderwärmung. Aufgrund der Neuartigkeit und der Komplexität dieser weltweiten Herausforderung greifen altbewährte Strategien nicht mehr. Stattdessen müssen neue Lösungsansätze gedacht werden. Seit Beginn der Umweltbewegung in den 1970er Jahren befindet sich die globale Weltbevölkerung in einem Wandlungsprozess, der in den letzten Jahren mit zunehmender Brisanz und einer größeren Flächenwirkung auf die Agenda gerückt ist. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, Mitglied im Club of Rome und im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung hat für diesen Wandlungsprozess den Begriff „Die Große Transformation“ [1] geprägt. Dabei gilt es, aktiv Beiträge zur Gestaltung einer Zivilisation zu leisten, die sich am Leitbild der Nachhaltigkeit orientieren. Die aktuelle Herausforderung unterscheidet sich in ihrer Ausprägung erheblich von bisherigen Transformationsprozessen der Menschheitsgeschichte, weshalb sie mit technologischen und ökonomischen Möglichkeiten allein nicht gemeistert werden kann. Technologien, Politik und innovative Geschäftsmodelle sind wichtig, aber am Ende verändern Ideen und neue Wertvorstellungen die Welt [1].

Welchen konkreten Beitrag können Kunst und Kultur leisten? Und - müssen oder sollen sich Kunst und Kultur überhaupt für Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel engagieren? Wie relevant ist die Verbindung des Themas Nachhaltigkeit mit Kunst und Kultur?

 

“Kunst, Musik und Theater [stehen] am Beginn politischer Umwälzungen. […] Denn es sind zivilgesellschaftliche Akteure, die neue (Wert-)Vorstellungen in Gesellschaften tragen und damit die Basis für moralische Revolutionen legen.” [1] Der Grund dafür sind die Möglichkeiten von Kunst, die Menschen auf einer anderen Ebene erreichen zu können als Wissenschaft oder Politik. Die Kunst kann über Emotionen Bilder kreieren und Geschichten erzählen, mit denen sich Menschen identifizieren können. Auf diese Weise kann ein Zusammenhang zwischen abstrakten Sachverhalten wie dem Klimawandel und der eigenen Person hergestellt werden.

 

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und seinen Folgen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Neben der symbolisch-ästhetischen Wirkung dieser Auseinandersetzung findet die Produktion aber auch in einem physischen Raum statt und hat dadurch selbst einen direkten Einfluss auf das Klima: Es wird Strom verbraucht, Wärme erzeugt und es haben möglicherweise Reisen und Transporte in Zusammenhang mit der Produktion stattgefunden. Die Unterscheidung zwischen der Rolle von Kunst und Kulturbetrieben ist an dieser Stelle entscheidend. Die Rolle von Kulturbetrieben liegt darin, Kunst zu ermöglichen. Kulturbetriebe selbst haben jedoch die Möglichkeit, unabhängig von den Inhalten der Kunst, nachhaltig zu handeln, zu produzieren und zu wirtschaften.

 

Werden umweltrelevante Faktoren der Produktion außer Acht gelassen, während auf der Bühne oder im Ausstellungsraum eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Ökologie stattfindet, geraten Kulturinstitutionen in eine „Glaubwürdigkeitslücke“. Sie machen sich „angreifbar“, wenn sie öffentlichkeitswirksam auf die Klimakrise aufmerksam machen, jedoch selbst keine Konsequenzen im eigenen Handeln ziehen.

Aber auch ohne eine inhaltlich-künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Ökologie, Klima oder Nachhaltigkeit hat die Thematik für Kulturinstitutionen eine Relevanz. Denn Kulturbetriebe sind zivilgesellschaftliche Akteure, an die, genauso wie andere Akteure der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft, die Forderung adressiert ist, dass der aktuelle Transformationsprozess eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist [3]. So richtet sich die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung an alle Ressorts und fordert sie zu einem Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung auf. Auch das Unterziel 4.7 der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen beinhaltet: “appreciation of cultural diversity and of culture’s contribution to sustainable development”.

 

Abseits politischer Bestrebungen erhöht sich zunehmend der gesellschaftliche Druck auf Organisationen jeglicher Art. Kulturinstitutionen müssen auch deshalb in die Debatte miteinbezogen werden, weil sie größtenteils aus öffentlichen Haushalten finanziert sind, die „der Generationengerechtigkeit in allen Dimensionen der Nachhaltigkeit verpflichtet [sind]“ (Die Bundesregierung). Vor dem Hintergrund, dass öffentliche Mittel generell knapper werden, entsteht darüber hinaus auch ein immer stärkerer Zwang sich zu legitimieren, warum die Kulturbetriebe überhaupt weiterhin privilegiert bezuschusst werden sollen [4]. Ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung ist somit auch eine Existenzsicherung, wenn es darum geht, die öffentliche Finanzierung über Steuergelder zu legitimieren. Akteure, die sich der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe des Klimawandels entziehen, verlieren somit an Relevanz. [5]

Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Umstellung auf eine nachhaltige Produktionsweise bei Kulturbetrieben in einem sinnvollen Verhältnis zu dem damit verbundenen Aufwand steht. Wären nicht andere Branchen mit einem stärkeren CO2-Fußabdruck eher in der Verantwortung?

Unabhängig davon, ob der „messbare Impact“ von Kulturinstitutionen im Vergleich zu anderen Sektoren tatsächlich ausschlaggebend ist oder nicht: Mit dieser Haltung nimmt die Kulturbranche eine „defensive Position [ein], die eher auf einem Protektorat Kultur besteht als auf ihrem offensiv vertretenen Relevanzanspruch“ [6].

 

Um tatsächlich einen messbaren Impact zu beziffern, fehlt in Deutschland allerdings die nötige Datengrundlage. So ist es nicht möglich, den potenziellen Einfluss von CO2-Reduktionen der Kulturbranche in Deutschland mithilfe von konkreten Zahlen zu veranschaulichen. Um eine Größenordnung von CO2-Emissionen im Kulturbereich zu bekommen, muss der Blick nach England oder Australien gelenkt werden: Das Sydney Opera House nimmt seit 2014 eine Vorreiterrolle im Bereich nachhaltige Kulturproduktion ein. Bis 2014 hatte das Opernhaus ein jährliches Elektrizitätsaufkommen in einer Größenordnung, die mit dem Verbrauch von 2500 Haushalten im Jahr vergleichbar ist [7]. Mithilfe einer Nachhaltigkeitsstrategie ist es gelungen, den gesamten Energieverbrauch um 14 Prozent zu reduzieren. Im Bereich Beleuchtung konnte sogar ein Einsparpotenzial von 75 Prozent erreicht werden, was ungefähr 70.000 Dollar entspricht [8].

In Großbritannien widmet sich die Organisation Julie’s Bicycle seit 2012 in Zusammenarbeit mit dem Arts Council England dem Thema Nachhaltigkeit im Kulturbereich. Sie schreibt in ihrem Environmental Report, dass die 747 teilnehmenden britischen Kulturbetriebe in der Saison 2018/19 einen Stromverbrauch von 379.000.000 Kilowatt Stunden haben, was in etwa dem Stromverbrauch von 122.000 Haushalten entspricht [9]. Seit 2012/13 konnte bei den 747 Portfolio-Institutionen bereits eine jährliche Energie-Einsparungsrate in Höhe von fünf Prozent erzielt werden (vgl. Julie’s Bicycle). Bei gleichbleibender Rate können bis zur Saison 2029/30 Einsparungen von 85 Prozent erreicht werden. Auch finanziell schlägt das zu Buche: Die teilnehmenden Institutionen konnten seit der Saison 2012/13 insgesamt 16,5 Mio. Pfund einsparen [10]. Bis 2029/30 würde das 168 Mio. Pfund entsprechen.

 

Der Impact von Kulturinstitutionen ist also nicht trivial und auch im Kultursektor gibt es ein Einsparpotenzial. Dazu kommt, dass Kultureinrichtungen immer auch Ort des Austauschs sind, die in ihrem Handeln eine Vorbild- und Meinungsbildungsfunktion einnehmen [9].

 

Autorinnen: Teresa Trunk, Vera Hefele

[1] Schneidewind, Uwe (2018): Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels.  Frankfurt am Main: S. Fischer.

[2] Kulturstiftung des Bundes. (2020a). Doppelpass - Fonds für Kooperationen im Theater. 

[3] Utikal, Hannes. (2019): Nachhaltigkeit gestalten - Die große Transformation erfordert neue Kompetenzen. In: Energieeffizienz. Wiesbaden: Springer, S. 37-49.

[4] Lutz, Markus. (2011): Besuchermanagement als Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung in Kulturbetrieben. In: Föhl, Patrick S. et al. (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung in Kulturmanagement und Kulturpolitik. Ausgewählte Grundlagen und strategische Perspektiven. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 119-148.

[5] Sievers, Norbert. (2018). Kulturpolitik muss auch Klimapolitik sein. Kulturpolitische Mitteilungen, VI (163), 72-74. 

[6] Voesgen, Hermann. (2011): Kulturarbeit und Klimawandel. In: Bekmeier-Feierhahn, Sigrid et al. (Hrsg.): Kulturmanagement und Kulturpolitik. Jahrbuch für Kulturmanagement 2011. Bielefeld: transcript.

[7] Climate Active. Sydney Opera House

[8] Green Building Council of Australia. (2015). GBCA green star performance rating. Sydney Opera House 2015

[9] Arts Council England. (2020). Sustaining Great Art and Culture - Environmental Report 2018/19

[10] Julie’s Bicycle. Impact